HERMANN
HESSE UND DIE RELIGION
Zum 125.
Geburtstag und 40. Todestag des Dichters
(Unterlengenhardt gehört zum Landkreis Calw - der Geburtsstadt Hermann Hesses)

aus: Heft 10/2002 der Monatszeitschrift 'Die Christengemeinschaft'
Das Titelbild zeigt die Bildtafel "Das Neue
Jerusalem" aus der 'Bamberger Apokalypse', die um das Jahr 1000 wahrscheinlich im
Kloster auf der Insel Reichenau entstanden ist (aus Ernst Harnischfeger, Die
Bamberger Apokalypse, Stuttgart 1981)
Dass Hermann Hesses Bücher stark religiös bestimmt sind, wird niemand ernstlich bezweifeln. Aber ist er auch ein christlicher Dichter? Viel mehr scheint die Rede von asiatischer Weisheit zu sein.
Hesses große Wirkung ist mit der weltweiten Sehnsucht nach Spiritualität verbunden. Wenn die Menschheit heute durch die Entwicklung der Bewusstseinsseele zur Schwelle gelangt, ja sie überschreitet, so hat auch er einen Anteil daran. Da ihm die Förderung der Persönlichkeit besonders am Herzen lag, setzte er sich stets für den Einzelnen ein, nicht für »die Vielen«. Denn jenem Schwellenübertritt, der in eine neue (geistige) Gemeinschaft führt, geht große Einsamkeit voraus. Diese zu ertragen, ist nicht Sache der Vielen, sondern nur weniger Einzelner.
Könnte dieser Dichter auf Höheres vorbereitet haben?
Das Christentum, wie er es als Kind kennen lernte, bezauberte ihn und stieß ihn gleichzeitig ab. Es war ein starkes christliches Erbe, das ihm als Lebensgrundlage von den tief religiösen Eltern mitgegeben wurde, allerdings in der ihn äußerst einengenden Form des Pietismus. Er fand auf diesem Weg nicht das kosmische Christentum, das er eigentlich ersehnte. Später sagte er: »Ihr glaubtet nur immer an den einen offiziellen, behördlich konzessionierten Gott, statt Gott und die Stimme Gottes in euch selbst zu suchen.«
Ein Zusammenstoß mit dem verhärteten Christentum der Zeit, nicht nur in der Familie, war unvermeidlich. Nach seinem Ausbruch mied er lebenslang derartige Gemeinschaften.
Er suchte nach anderen Formen der Religion, besonders nach den religiösen Quellen des Künstlerischen und der Einheit in Gott. So fand er seinen eigenen spirituellen Weg, der ihn ins geistige Indien und China führte. »Ich selbst halte für das entscheidende Kennzeichen meines Lebens und meiner Arbeiten den religiösen Antrieb«, schrieb er. Und an anderer Stelle: »Jede wahre Dichtung ist Jasagen, entsteht aus Liebe, hat zum Grund und zur Quelle Dankbarkeit gegen das Leben, ist Lobpreis Gottes und seiner Schöpfung.«
In Hermann Hesses Werk findet man keine Ironie und kein kaltes, ausschließlich intellektuelles Beobachten. Aus Siddhartha: »Die Liebe scheint mir von allem die Hauptsache zu sein. Die Welt zu durchschauen, sie zu erklären, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können ...«
Den Landstreicher Knulp, dem die Freiheit über alles geht, sah er als seinen Bruder an. Wie jener an seinem Lebensende Zwiesprache mit Gott hält, ist ein innigster Ausdruck von Hesses Religiosität. Allen seelischen Abgründen zum Trotz reiften ihm Heiterkeit und Liebe. Hesse war Künstler, und er war fromm. Seine Texte sind von unvergleichlicher Intensität. Ihm war die Kunst eine Form der Verkündigung, doch nicht Gottes Wort selbst. »Kunst war nichts anderes als Betrachtung der Welt im Zustand der Gnade, der Erleuchtung. Kunst war: hinter jedem Ding Gott zeigen.« Von Wahrhaftigkeit beseelt, beschrieb er nur das, was er selbst erlebt und erlitten hatte.
Seinem starken Drang, Dichter zu werden, musste er folgen, um nicht lebenslang unglücklich zu werden. So war er unglücklich, bis er endlich den Weg gefunden hatte, seinen inneren Ruf zu verwirklichen. Und wenn er ihn verwirklicht zu haben glaubte, wurde er abermals unglücklich, denn es rief ihn erneut ‑ zu neuen Ufern.
Seit der Jugend war er mit dem ein Jahr älteren Emil Molt befreundet, der 1890 als Vierzehnjähriger eine Kaufmannslehre in Calw begann. Zu dieser Zeit besuchte Hermann Hesse die Göppinger Lateinschule, danach das evangelisch‑theologische Seminar Maulbronn.
Nach dem Scheitern aller schulischen Bemühungen arbeitete er ab 1894 als Mechanikerlehrling in der Turmuhrenfabrik Calw. Möglicherweise in dieser schweren Zeit, in der er viel Verachtung ertragen musste, lernte er in Molt einen Schicksalsgenossen kennen, der sich wie er für Literatur begeistern konnte. An ihm sah er, wie ein junger Mensch durch Fleiß und Ausdauer mit den schwierigsten Lebensverhältnissen fertig werden konnte. Von dieser Zeit an bekam auch Hesse sein Leben in den Griff.
1913 schrieb Hermann Hesse, der inzwischen als Autor berühmt war und in der Schweiz lebte, das Märchen Augustus. In diesem Märchen geht es um die rechte Erziehung: Ein in Erfüllung gegangener Wunsch wird einem Menschen so lange zum Fluch, bis er bereit ist, anderen zu dienen. Bereits in Unterm Rad (1906) hatte Hesse sich mit dem Thema Erziehung befasst; immer wieder griff er es auf, da er oft erlebt hatte, wie Lehrer ihre Macht missbrauchten.
Emil Molt hörte 1909 einen Vortrag von Rudolf Steiner und schloss sich ihm an. Durch den Aufbau einer Zigarettenfabrik kam er allmählich zu Wohlstand. Im Ersten Weltkrieg legte Molt seinen Tabakwaren für die Frontsoldaten literarische Heftchen bei, zwei davon auch von Hesse (Der Hausierer und der Brief ins Feld). Mehrmals half er ihm aus ernsten Krisen, vor allem nach dem psychischen Zusammenbruch seiner Frau Mia am Ende des Krieges.
In Dornach war inzwischen das Goetheanum erbaut worden. Rudolf Steiner sprach 1919 über soziale Fragen und verfasste den Aufruf An das deutsche Volk und an die Kulturwelt.
Im Revolutionsmonat November 1918 hatte Molt ein Telegramm an Hermann Hesse gesandt: »... wir brauchen dich als geistigen Mitarbeiter in unserer neuen Bewegung, bitte sofort kommen«. Konkret ging es um eine politische Aufbauarbeit in der Württembergischen Landesregierung. Hesse sagte umgehend ab. »Mein Dienst und göttlicher Beruf ist der der Menschlichkeit. Aber Menschlichkeit und Politik schließen sich im Grunde immer aus. Beide sind nötig, aber beiden zugleich dienen ist kaum möglich. Politik fordert Partei, Menschlichkeit verbietet Partei.«
Später lenkte er ein: »Wenn Du mir andeuten kannst, in welcher Art etwa ich
bei Euch nützlich werden könnte, und wenn das mir einleuchtet, so kann und will
ich natürlich trotz allem mittun ...«.

Doch im Juni 1919 sagte er deutlich, dass er sich nur der Literatur verpflichtet fühle. An Molt, der inzwischen mit Rudolf Steiner die Waldorfschule gegründet hatte, schrieb er: » Zu all deinen schönen und großen Plänen habe ich Vertrauen und wünsche von Herzen Glück dazu! Mir selber ist bestimmt, ferner zu stehen und Distanz zu halten.« Er widmete sein Märchen dem Freund und dessen Frau. Zwei Jahre später hielt er eine Lesung in Molts Waldorf‑Astoria‑Fabrik in Stuttgart. Auf der Rückreise machte er in Dornach Station bei Albert Steffen, der ihn viele Jahre zuvor in Gaienhofen am Bodensee besucht hatte und an dessen dichterischem Werk er lebhaften Anteil nahm.
Rudolf Steiner hatte er 1919 bei einem Vortrag in Zürich gehört und einen »sehr guten, überzeugenden Eindruck« gewonnen. Besonders sagten ihm die Dreigliederungsidee und die Unabhängigkeit der Erziehung von Politik und Wirtschaft zu.
Dass Hermann Hesse während des Krieges den Demian schreiben konnte, verdankte er einem Psychoanalytiker, dem Benediktiner Dr. Lang, der ihm einen neuen Zugang zur Religion ermöglicht hatte. In diesem Roman spielt der Gott Abraxas, der Gutes und Böses enthält, eine große Rolle. In Ein Stückchen Theologie sagt Hesse: »Der Weg führt aus der Unschuld in die Schuld, aus der Schuld in die Verzweiflung, aus der Verzweiflung entweder zum Untergang oder zur Erlösung.«
Gläubige aller Religionen können erleben, was er als »das Erwachen« bezeichnete. Andere, die diese Konflikte nie durchmachen, mögen sie lächerlich finden. Hesse nannte sie »die Vernünftigen« im Gegensatz zu »den Frommen«, zu denen er sich selbst zählte. »Wem es bestimmt ist, der muss einmal im Leben so ... vollkommen einsam werden, dass er in sein innerstes Ich zurückgezogen ist. Dann ist man plötzlich nicht mehr allein. Man findet: unser innerstes Ich ist der Geist selbst, ist Gott, ist das Unteilbare. Und damit ist man wieder mitten in der Welt, von ihrem Vielerlei unangefochten, denn man weiß sich im Innersten eins mit allem Sein.« Er glaubte an das Reich Gottes, wie es Jesus den Jüngern gezeigt hatte, »inwendig in uns innen«. Ihn interessierte weniger der historische Jesus als der, der die historischen Bedingtheiten überwunden hatte: der Christus.
Hesses Religion war nicht konfessionell bestimmt: » ... sie ist im Lauf
meines Lebens aus indischen, chinesischen, christlichen und jüdischen Quellen
langsam zusammengeronnen«. Das Gedicht Besinnung,
erschienen im Jahre 1934, enthält sein Credo und gleichzeitig sein Zeugnis
gegen den Nationalsozialismus:
»Göttlich ist und ewig der Geist.
Ihm entgegen, dessen wir Bild und
Werkzeug sind,
Führt unser Weg; unsre innerste
Sehnsucht ist:
Werden wie Er, leuchten in Seinem
Licht ...
Und nicht Richten und Hass,
Sondern geduldige Liebe,
Liebendes Dulden führt
Uns dem heiligen Ziele näher.«
Obwohl er sich stets mehr als Fragenden denn als einen Antwort Gebenden sah, half er vielen, sich selbst zu finden und dem eigenen Ich treu zu bleiben. Er versuchte, »die alte asiatische Lehre von der göttlichen Einheit für unsere Zeit und in unserer Sprache zu erneuern« und Gemeinsamkeiten aufzudecken. Damit ist sein Wirken nicht asiatisch, sondern entschieden europäisch geprägt.
Auch mit Katholizismus, Protestantismus und Judentum setzte er sich auseinander. Besonders verehrte er den Religionsphilosophen Martin Buber und dessen chassidische Schriften. Den protestantischen Theologen warf er vor, »dass sie nichts zu lehren haben, das Volk leer lassen und sich dafür ohne Kritik und Widerstand der materiellen Staatsmacht zur Verfügung stellen ...«. Besonders schmerzlich empfand er das Fehlen des kultischen Elements; doch lehnte er eine Konversion zum katholischen Glauben ab: Er blieb Protestant, mit dem Akzent auf Protest. Auch damit war er ein Kind seiner Zeit, und die Herzen der Leser flogen ihm zu. Man könnte ihn auch als einen protestantischen Mystiker bezeichnen: »Das Licht aus Osten, die Weisheit Indiens vor allem, verträgt sich mit der eigentlichen Lehre Christi viel besser, als die Priester zugeben wollen.«
Hesses Hauptwerk, das Glasperlenspiel, handelt von der geistigen Provinz Kastalien und ist den »Morgenlandfahrern« gewidmet, jenen, die freiwillig dienen wollen. Bei Pater Jakobus lernt Josef Knecht im immer neuen Durchschreiten von Räumen den Wandel als das Beständige zu begreifen, bis er als Höchstes den Opfertod erkennt, um so seinem Zögling besser beizustehen, als er es im Leben vermocht hätte. Hermann Hesse spricht klar aus, dass Meditation und Wahrheitsliebe notwendig sind, um so immer wieder zu versuchen, die geistige Erstarrung abzuwerfen und die Einheit in Liebe zu erreichen. Mit den vier schriftlichen »Lebensläufen« des Magister Ludi wird auch das Thema Reinkarnation berührt.
In der Morgenlandfahrt setzt Hesse mit dem Diener Leo seinem Lieblingsheiligen Franz von Assisi ein literarisches Denkmal. Er selbst erscheint in diesem Bekenntnismärchen als der ehemalige Violinspieler und Märchenleser H. H., der sich als einzig treu gebliebener Bundesbruder versteht, während der Bund sich aufgelöst habe. Es geht ihm schlecht; sogar seine Geige hat er schon vor langem verkauft. Jetzt endlich will er eine Chronik über den Bund schreiben. Von da an führt ihn sein Weg wieder aufwärts. Er begegnet dem Bund aufs Neue, erkennt seinen schweren Irrtum und wird zur Sühne beauftragt, nunmehr die volle Wahrheit über sich selbst zu ergründen.
Hermann Hesse ist ein umfassend gebildeter Schriftsteller und zeitloser Dichter, der trotz seiner großen Beliebtheit das eigentliche Verstehen noch vor sich hat. So ist dieser »Weise aus Schwaben« auch heute noch hochaktuell und immer auf der Fahrt ‑ ins Morgenland.
Er ist einer, der bis zur Schwelle geleiten kann, doch über sie hinweg muss der Einzelne selbst treten; ein Vergil von heute, der die Führung im rechten Moment an höher Eingeweihte abgibt, wie Vergil sie in Dantes Göttlicher Komödie an Beatrice und Bernhard von Clairvaux abgab.
Ist Hermann Hesse ein christlicher Dichter im Sinn eines zukünftigen, kosmischen Christentums? Nein. Eher eine Vorstufe, von der aus eines Tages der Schritt vollzogen werden kann. Doch dieser Schritt weiter, der die Erfahrung des lebendigen Christus voraussetzt, ist abhängig von der Gnade. Der Einzelne kann nur bemüht sein, sich dieser Gnade würdig zu machen.
Jeder Dichter bringt uns seine Welt mit ihrer besonderen Stimmung nahe. Beim Lesen von Dantes Versen etwa stellt sich schon nach kurzer Zeit ein hohes Glück ein, das einer geistigen Erfahrung gleichkommt; die fröhliche Gewissheit eines wahren Christen, verbunden mit der höchsten Poesie, überträgt sich auf den Leser. Ähnliches kann man beim Hören der Musik von Bach erleben.
Dieses Letzte fehlt Hermann Hesse. Er ist durchgedrungen bis zur Stufe der entwickelten Persönlichkeit und hat hier das All‑Eine gefunden, das er Gott, Tao oder Buddha nennt. Doch bleibt ein Rest von Resignation. Er selbst ahnte es: »Ich muss ... auf meinem Weg bleiben, der mich vielleicht vollends zum Christen macht.«
Wir danken dem Urachhaus-Verlag für die Genehmigung dieser Veröffentlichung