Der Schatz der Engel

- von Alexej Remisow -

 

Es ist in der göttlichen Welt ein lichthelles Paradies

das heilige Reich der Engel.

Erleuchtet von göttlichem Lichte steht da die Stadt der Erwählten - und ihr Wächter ist der mächtige Engel:

Licht ist sein helles Gewand,

ausgebreitet die weißen Flügel,

und das Schwert in den Händen.

 

Goldene Äpfel genießen dort die Gerechten zusammen mit den Sirenen,

singen klingende Lieder und trösten die heiligen Frommen.

Da ist kein Kummer noch Seufzen, da ist zeitloses Leben.

 

Mühsam und lang ist der Weg, der sich hinzieht zum heiligen Paradiese.

Viele sind berufen zum Mahle im heiligen Paradiese - -

doch nimmer erschauten das göttliche Licht - die Nichtauserwählten,

gelangten nicht bis zum Grenzstein: dort wacht ja der mächtige Engel:

Licht ist sein helles Gewand,

ausgebreitet die weißen Flügel,

und das Schwert in den Händen.

 

Wem sind denn geöffnet die Pforten des Paradieses?

Und wer ist erwählt aus all den Berufenen?

- ein reines, tätiges Herz, das göttliches Wollen erschafft,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das im Leide sich mühend ermattet,

das ist von Gott erwählt;

- ein verwundetes Herz,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das offen ist menschlichem Elend und Kummer,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz,. das erfreut und auch segnet,

das ist von Gott erwählt;

- ein erniedrigtes Herz,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das - beleidigt - vor Gram verging,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das um der Wahrheit willen entflammt ist,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das sich quälte um unserer Unwahrhaftigkeit willen,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das sanftmütig ist,

das ist von Gott erwählt;

- ein Herz, das bereit ist, auch die letzte Sünde auf sich zu nehmen um des

göttlichen Lichtes willen, um der Reinheit willen auf der arbeit-schweren

Erde in der grausamen Welt,

das ist von Gott erwählt;

- das große Herz der Mutter des Lichtes - Stern der Sterne! - die mit uns

durch die Welt gehen wollte, mit uns trauern und sich mühen, mit uns - den

dem Tode Geweihten, -

das ist ein Herz, das von Gott erwählt ist,

dem sind geöffnet die Pforten des Paradieses.

 

Aus: A. Remisow, Stella Maria Maris - Russische Legenden;

J.Ch.Mellinger Verlag Stuttgart (1989)

 

Remisow, Aleksej Michajlowitsch (1877-1957), russischer Schriftsteller

Sein Stil wirkte auf die russische Literatur der Sowjetunion.

Remisow wurde am 6. Juli 1877 in Moskau geboren, besuchte dort die Handelsschule und studierte Naturwissenschaften. 1897 wurde er bei einer Demonstration verhaftet und für sechs Jahre in die Verbannung geschickt. Ab 1905 lebte er als freier Schriftsteller in Sankt Petersburg. 1921 emigrierte er nach Berlin, 1923 nach Paris. Remisow schrieb über 80 Bücher, darunter Erzählungen, Kunstmärchen, Legenden und Romane, deren Einordnung nach Gattungen schwierig ist. Dabei orientierte er sich an Autoren wie Leskow, Gogol oder Dostojewski; durchgängig vorhanden blieb sein Interesse an volkstümlicher Sprache und Literatur. Als eines seiner Hauptwerke gilt Ognennaja Rossja (1921; Aus dem flammenden Rußland zu den Sternen). Remisow starb am 26. November 1957 in Paris.

 

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