Rudolf Steiner
"... DIE CHRISTUS GEMÄSSE GESTALT"

„Die großen Konflikte, welche die furchtbaren Katastrophen
der letzten Jahre hervorgerufen haben, sie haben einen großen Teil der Erde
schon in ein Kulturtrümmerfeld verwandelt. Weitere Konflikte werden folgen. Die
Menschen bereiten sich vor zu dem nächsten großen Weltkriege. In weiterer Weise
wird die Kultur zertrümmert werden. Aus dem, was gerade der neueren Menschheit
sich als das Wertvollste für Erkenntnis und Wollen ergeben hat, aus dem wird
unmittelbar nichts zu gewinnen sein. Das äußere Erdendasein, insofern es ein
Ergebnis früherer Zeiten ist, es wird vergehen, und ganz vergeblich hoffen
diejenigen, welche glauben, die alten Denk- und Willensgewohnheiten fortsetzen
zu können. Was heraufkommen muß, das ist ein neues Erkennen und ein neues Wollen
auf allen Gebieten. Wir müssen uns bekanntmachen mit dem Gedanken des Hingehens
einer Kultur, einer Zivilisation; aber wir müssen hinschauen in das menschliche
Herz, in den Geist, der in dem Menschen wohnt. Wir müssen Vertrauen haben zu
diesem Menschenherzen und zu diesem Menschengeiste, die in uns wohnen, damit
durch alles das, was wir tun können innerhalb der Zertrümmerung der alten
Zivilisation, neue Gebilde entstehen, wirkliche Neugebilde entstehen.
Diese Neugebilde werden nicht entstehen, wenn wir uns nicht
dazu bequemen, wirklich ernsthaftig ins Auge zu fassen, was für die Menschheit
notwendigerweise geschehen muß. Lesen Sie nach in meinem Buche >Wie erlangt man
Erkenntnisse der höheren Welten?<. Dort ist Ihnen geschildert, wie der Mensch,
wenn er zu den höheren Erkenntnissen gelangen will, zuerst sich ein Verständnis
entwickeln muß für das, was man die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle nennt.
Da ist darauf hingewiesen, wie diese Begegnung mit dem Hüter der Schwelle
bedeutet, daß Wollen, Fühlen, Denken sich trennen in einer gewissen Weise, daß
eine Dreiheit aus der menschlichen chaotischen Einheit entstehen muß. Dieses
Verständnis, das für den Schüler der geistigen Wissenschaft sich eröffnen muß,
indem ihm klar wird, was der Hüter der Schwelle ist, dieses Verständnis muß sich
der ganzen neueren Menschheit in bezug auf den Zivilisationsgang eröffnen. Wenn
auch nicht für das äußere Bewußtsein, für die inneren Erlebnisse geht die
Menschheit durch das Gebiet durch, das man auch als ein Gebiet des Hüters der
Schwelle bezeichnen kann.
Die neuere Menschheit überschreitet eine Schwelle, an der ein
bedeutsamer Hüter steht, ein ernster Hüter. Und dieser ernste Hüter spricht vor
allen Dingen das aus: Bleibet nicht hängen an dem, was sich heraufverpflanzt hat
aus den alten Zeiten. Sehet in eure Herzen, sehet in eure Seelen, daß ihr
Neugebilde schaffen könnet! Diese Neugebilde könnet ihr nur schaffen, wenn ihr
den Glauben habt, daß aus der geistigen Welt heraus die Erkenntniskräfte und die
Willenskräfte zu diesem geistigen Neuschaffen kommen können. - Was dem einzelnen
Menschen beim Betreten der höheren Erkenntniswelten ein besonders intensives
Ereignis sein muß, gewissermaßen unbewußt geht es für die ganze Menschheit in
der Gegenwart vor sich. Und diejenigen, die sich zusammengeschlossen haben als
anthroposophische Gemeinschaft, sie sollten einsehen, daß es zum Notwendigsten
in der Gegenwart gehört, die Menschen zum Verständnis dieses Durchgehens durch
das Schwellengebiet zu bringen.
So wie der Mensch als Erkennender begreifen muß, daß sein Denken, Fühlen, Wollen sich in einer gewissen Weise trennt, und er es im höheren Sinne zusammenhalten muß, so muß der neueren Menschheit begreiflich gemacht werden, daß sich Geistesleben, Rechts- oder Staatsleben und Wirtschaftsleben voneinander trennen müssen und ein höheres Band des Zusammenhaltens geschaffen werden muß, als es der bisherige Staat war. Nicht sind es irgendwelche Programme, Ideen, nicht sind es irgendwelche Ideologien, welche einzelne dazu bringen können, anzuerkennen diese Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus; sondern die tiefe Erkenntnis von der Fortentwickelung der Menschheit ist es, die uns zeigt, daß diese Entwickelung an ein Schwellengebiet gelangt, daß der ernste Hüter dasteht, daß er verlangt - so wie er für den einzelnen Menschen verlangt, der zur höheren Erkenntnis fortschreitet: Erdulde die Trennung in Vorstellen, Fühlen, Wollen -, daß er so für die ganze Menschheit verlangt: Gliedere auseinander dasjenige, was in chaotischer Einheit in dem Götzen Staat verflochten war bis heute, gliedere das auseinander in ein geistiges Gebilde, in ein Rechts-Staatsgebilde, in ein Wirtschaftsgebiet. - Sonst kommt die Menschheit nicht weiter, sonst birst auseinander, fällt auseinander das alte Chaos. Dann aber, wenn es auseinanderfällt, wird es nicht die für die Menschheit notwendige Gestalt haben, sondern eine ahrimanische oder eine luziferische Gestalt, während ihm die Christus gemäße Gestalt allein die aus der Geisteswissenschaft heraus erfolgende Erkenntnis von dem Schwellengang in der Gegenwart geben kann."
Aus: Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen (1920), Rudolf Steiner Verlag, Dornach
Bild: Der Menschheitsrepräsentant (Rudolf Steiner)