Die Christengemeinschaft und Rußland

Zur heiligen Ikone
- Johannes Lenz -

Zum Wesen des christlichen Kultus gehört das Bild. Alles, was das Auge des betenden Gläubigen sieht, ist heiliges Bild. Eine besondere Form hat dies in der orthodoxen Kirche.

»Orthodox« heißt rechtgläubig. Die Differenzierung in eine Ostkirche und eine abendländische setzt schon früh, im 4. Jahrhundert, ein. Die östliche Form des Christentums ist durch den Geist der griechischen Sprache gekennzeichnet, die westliche Form durch den Geist der lateinischen Sprache. Dazu tritt die Bedeutung des heiligen Bildes, der Ikone. Schon Dionysios der Areopagite sagt: »Das Bild aber, voll Gnade, lässt den Christen teilhaftig werden an der Heiligkeit des Urbildes und wird selbst zum Mysterium. Es ist das Abbild des Unsichtbaren und vermag durch die Betrachtung des Sichtbaren zu göttlicher Schau emporzutragen.« Der Altar und der Vollzug des Sakramentes bleiben noch im Mysterium, im Verborgenen. Die Gemeinde sieht eine Wand von Bildern, die Ikonostase. Das Auge sieht die Ikonen, das Ohr hört die gesungene Messe. Die geistige Welt offenbart sich im Bild - und sie ist bildhaft zu schauen.

Wassilij Kandinsky hat auf die tiefe Bedeutung der Ikonen für sein Schaffen hingewiesen. Er weist darauf hin, dass eine Ikone nicht Abbild der äußeren Wirklichkeit ist - etwa Jesus Christus, wie er zu Lebzeiten aussah -, sondern Bild der Lebensleiblichkeit von jenseits der Schwelle: Bild des unsichtbar gegenwärtigen, lebendigen Urbildes. Deswegen vermag die Ikone den Betrachter mit dem gezeigten Wesen in unmittelbare Beziehung zu bringen.

Als Beispiel diene uns hier die Ikone »Mandylion«, das »Tuch«. Sie trägt den Titel, der in goldener Schrift unten auf dem weißen Tuch aufleuchtet: »Das nicht von Menschenhand gemachte Bild unseres Herrn Gottes und Erlösers Jesus Christus - das heilige Tuch«. Aus einem oben links und rechts geknoteten weißen Tuch leuchtet das dunkelbraune Antlitz unseres Herrn hervor. Es ist wirkliches Antlitz - ohne Hals. Das Haupt ist von einem zart goldenen heiligen Schein um geben. Gold repräsentiert den geistigen Urgrund - den Goldgrund der Welt. Zu seinem Hintergrund gehört das osterrote Kreuz. Im Kreuz ist die griechische Bezeichnung »Der Seiende« - - eingeschrieben. Oben links und oben rechts stehen die Initialen des Gottesnamens JS und XC - Jesus Christus: jede Ikone vollendet sich als Bild, wenn im WORT das Wesen des Dargestellten erscheint. Nicht, dass der gläubige Betrachter nicht gewusst hätte, was er vor sich hat. Aber Bild und Wort, Geschautes und Gehörtes, Imagination und Inspiration gehören im Wahrnehmen geistiger Wesen zusammen.

Die Ikone geht auf eine Legende von König Abgar von Edessa zurück. Er war durch Krankheit verhindert, zur Anbetung des neugeborenen Königs nach Bethlehem zu eilen. Er sandte stellvertretend seinen Maler, um ihm ein Bild Jesu Christi zu bringen. Die Lichtfülle, die von dem Antlitz ausging, verhinderte den Maler zu malen und seinen Auftrag zu erfüllen. Aus Mitleid hielt Christus die Leinwand vor sein Antlitz, das sich im Tuch abbildete: es ist so nicht von Menschenhand gemalt und ein erstes wahres Licht-Bild.

Die Legende spricht aus, was letztlich zu jedem wirklich großen Kunstwerk gehört -das Wesentliche kommt aus Gnade zu dem hinzu, was Menschen schaffen können. Zur geistigen Tatsache der Ikone gehört, dass der malende Mönchspriester völlig hinter das Bild zurücktritt, das nicht Kunst im westlichen Sinne, sondern künstlerisches Kultbild in orthodoxem Sinne ist. Das Bild ist wesentlicher Teil des Kultus.

Wo erscheint es im erneuerten Kultus?

Wer einen Kirchenraum betritt, sieht ein statisches Bild: Stufen, Altar- die Grabesstätte in Form eines Tisches -, Leuchter - Kerzen -, das Kreuz oder die Kreuzigung, darüber den Auferstandenen. Er erscheint als Abbild, um den Betrachter anzuregen, mit ihm in eine innere Beziehung zu treten. Beginnt die Menschenweihehandlung, dann geht die Ruhe in Bewegung über: drei handelnde Menschen werden selber dem Bild und dem Wort nach Teil dessen, was die Gemeinde sieht und hört. Das kultische Bild-Sehen beginnt. Im Bildgeschehen erscheint der Geist der Weihehandlung. Das Bild verbindet die Gemeinde mit Jesus Christus. Auch dieses Bild ist aus dem Geist heraus gestiftet, auch wenn Menschen dafür sorgen, dass es in der sichtbaren Welt erscheinen kann.

Die Betrachtung der heiligen Bilder hat in östlichen Seelen die Andacht und Verehrung des Göttlichen erweckt und gepflegt. Die atheistischen Machthaber der Sowjetunion wussten dies: wie Ikonen wurden ihre Bilder von Lenin bis Stalin in gewaltigen Prozessionen vor den Massen hergetragen. Die Menschenweihehandlung wird mit allen anderen Ritualen eine Erneuerung des Wesens der Ikone schenken. Sie setzt das dynamische, von Menschen mitgetragene und gehandelte Bild vor die Augen der Betenden. Das heilige Bild durchtränkt die Bildekräfte der Gläubigen. Wir bilden uns das Bild ein. Durch die Zivilisation treten die von Menschenhand geschaffenen Bilder - wie bei einem Gang durch die Stadt - voll in unser Bewusstsein oder Unterbewusstsein ein. Sie bauen ab. Die Schöpfungsbilder der lebendigen Natur lassen uns Atem schöpfen. Sie lassen Gottgedanken sehen. Mit dem Kultus treten wieder aus dem Heiligen Geist geschaffene Bilder vor uns hin, die mit den Schöpferkräften der geistigen Welt verbinden. Das wird zunehmend zu geistiger Erholung führen, weil unser wahres Wesen zu sich kommt, wenn es Gottesbilder schaut. Ebenbild und Urbild nähern sich einander. So verwandelt sich das geistige Anliegen des orthodoxen Kultbildes der Ikone in die Bildwirkung des neuen Kultbildes. (
Aus der Zeitschrift: "Die Christengemeinschaft", Ausgabe: 7-8 / 2000: SONDERTHEMA RUSSLAND)

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